Mangel

Im Angesicht der nächtlichen Stille fand sich mein Körper in die Straßen der Stadt verbannt. Hier in der blattlosen Allee bahnten sich die Häuser wie riesige Schleusen, deren Häupter von der oberen Finsternis verschlungen wurden, von beiden Seiten hervor, als ob sie gewaltandeutend zurücknehmen wollten, was ihnen bei Tage gestohlen geglaubt war. Jetzt wurden sie zu lebendigen Geistern, jetzt, da sie sich der Freiheit der Leere und der Kühle des Unlichtes bedienen durften, zu solchen, deren nüchterne Mägen mit Menschenbälgen befüllt sein mochten. An den Wänden schweifte mein Körper vorbei, warf hier und da einige Schatten, als seien jene seinen Schultern entwachsen, als hätten sie ihn eingenommen, die aus ihrem Schlummer Gestürmten. An einer Betonlichtung kam der Körper zum Stehen. Hier blickte das einzige Licht einer verschollenen Straßenlampe hinunter und schien die Erde jede Nacht in ärgster Länge der Zeitlosigkeit zu studieren. Doch weitaus mehr wurde an diesem Abend von dem schmalen Satoriusstrahl an diesem Ort festgehalten; zwei Umrisse, die breite Hüte trugen, standen wie dorthin befohlen und verwurzelt schienen sie in leisen Worten voneinander teilzuhaben. Alle Schatten flohen aus jeglichen Richtungen zusammen um sich in meinem Körper erneut zu vereinen. Dem geheimen Wispern der beiden Stimmen konnte ich unbemerkt Folge leisten, doch es würde eigentümlichem Unsinn entsprechen, dir alles nun hier bis an den Kern der kleinsten Kleinigkeit heran niederzulegen, so werde ich dir verkürzt schildern: Ich vernahm ein Streitgespräch zwischen der Zufriedenheit und der Unzufriedenheit. Erstere behauptete, ihr Meister sei nicht zufrieden mit ihr und die Schuld, die diese unrechtmäßige Schmach auf ihr Gemüt abzeichne, trüge endgültig ihr Gegenüber. Dieser entgegnete, die Schuld sei nicht bei ihm zu suchen, es liege doch in seiner Natur und schließlich würde auch nicht der Meister selbst das letzte Wort bei diesem Geschehen ergreifen, sondern die hohl geleerten Köpfe aller Außenstehenden. Diesen seien keine rechtmäßigen Einschätzungen, geschweige denn ernstzunehmenden Meinungen abzunehmen, meinte widerum die Zufriedenheit, es liege doch bloß bei der Unzufriedenheit, sich ihrer Kraftlosigkeit zu entkleiden. Daraufhin wurde die Unzufriedenheit aus ihrer bis dorthin phlegmatischen Art gerissen; sie stampfte auf und blickte von dannen, eine vehemente Geste der ausdruckslosen Verzweiflung, des Verlangens nach einem für unerreichbar erkorenen Ziel. Diese Aufnahme schien für einige Momente zeitlos, dann brach sie auf; die Zufriedenheit gab der Unzufriedenheit eine tiefe Umarmung. Während diese noch hielt, schwirrten bereits die beiden Schemen in die Höhe, dem Licht entgegen, das sie endgültig in sich aufnahm und dann erblindete. Wer trägt nicht wenigstens einen Mangel in sich, der nicht durch ein Quäntchen Verständnis und Einfühlsamkeit besänftigt werden könnte, stellte mein Körper fest, ließ dann alle Schatten wieder frei und schritt weiter durch die verwesten Straßen.