Der Film Oppenheimer im Querschnitt: Figuren- und Moralproblematik

Der folgende Kommentar zum Spielfilm Oppenheimer beruht auf den vorherrschend persönlichen Einschätzungen des Autors, die aus dem direkten Anschauen des gesamten Films und der Auseinandersetzung mit den Inhalten des Films, den Themen und den historischen Hintergründen resultierten. Die vorliegende Meinung, die nicht davor zurückweicht, einen kritischen Ton anzuführen, zielt keineswegs darauf hin, andere zu kränken oder ihre eigene Meinung zu verfälschen, sondern legt lediglich verschiedene Blickwinkel auf den Film Oppenheimer frei, die möglicherweise neue Erkenntnisse für die Leser dieses kleinen Textes bereitstellen könnten.

Zu bemerken ist weiterhin, dass in der vorliegenden Schrift nicht jede vermeintlich relevante Thematik des Films beleuchtet werden kann und das Augenmerk weniger auf die kinematographischen (das darstellende Wie) als auf die narrativen und interpretatorischen Elemente (das analytische Warum) des Films gelegt wird.
Schließlich ist es auch wichtig, dass der Leser gebeten ist, sich den Film vor dem Lesen anzuschauen, da ihm ansonsten eigene Interpretationen genommen werden und er sonst mehrere Informationen nicht nachvollziehen kann.



1) Einführung und Darstellung

Mit dem Film Oppenheimer ist dem Regisseur Christopher Nolan ein Erlebnis für die Sinne gelungen: Inszenierung, Bild, Schnitt und Akkustik sorgen für eine immersive Anschauung des Films, was insbesondere während der Darstellung des ersten Atombombentests Trinity merklich wird. Diese Szene zeichnet sich auch durch ihren immer weiter ansteigenden Spannungsbogen mithilfe der oben aufgezählten Mittel besonders aus.

Der Film kennt eine bildliche Zweiteilung in Abschnitte in schwarz-weiß und welche in Farbe. Christopher Nolan zufolge handelt es sich bei den schwarz-weißen Spannen um Szenen, die historisch und faktuell möglichst akkurat darzustellen. Der Zuschauer des Films bemerkt in erster Linie, dass diese Filmstellen aus der Perspektive der Figur Strauss und die Szenen in Farbe aus der subjektiven Sicht der Figur Oppenheimer gezeigt werden.

Es herrscht mitunter eine Dreigliederung der Narrative: Der erste Teil des Films stellt Oppenheimers Aufstieg als junger Physiker zur Schau, der zweite beschäftigt sich gründlich mit dem Manhattan-Projekt und allen dazugehörigen Elementen und der dritte zeigt schließlich das Verhör Oppenheimers. Der Film nimmt in seinem Verlauf graduell an Tempo auf, das im Trinity-Test gipfelt und danach wiederum abklingt. Unter den drei genannten Hauptetappen des Films gibt es ein ungleiche Längenverteilung; der zweite Teil behauptet sich aufgrund seiner fortgeschrittenen Länge klar als Kern des Films, der erste Teil hingegen dient lediglich zur Einleitung und der dritte Teil konzentriert sich vor allem auf die Konsequenzen des Atombombenabwurfs auf die Person Oppenheimer und auf die politischen Umstände der McCarthy-Ära.

Schließlich können auch mögliche Einflüsse auf heutige Probleme in den Film hineininterpretiert werden: Der Film zeigt, dass es möglich ist, etwas Mächtiges zu erschaffen. Wenn der Glaube an ein Projekt stark genug ist, der dazugehörige Entwicklungsprozess nicht unnötig verzögert wird und die besten Köpfe eines Gebietes dafür zusammengesteckt werden, gelingt auch etwas, das davor als Unmöglich abgestempelt wurde. Diese Einsicht könnte zur Motivation für die Lösung von globalen Problemen unserer heutigen Zeit, wie zb. den Klimawandel beitragen.

Jedenfalls besitzt der Film eine starke Berechtigung für seine Entstehung; Abgesehen von der Person Oppenheimer, die als etwas größeres Rädchen in diesem turbulenten Spiel um Macht, Tod und Wissenschaft fungierte, berührt der Film reelle Themen, die den menschlichen Kern ausmachen – einer, der nicht unbedingt zur Spaltung geeignet ist.

2. Prekäre Schlüsselfiguren

Es fällt auf, dass der Film gründlich mit problematischen Charakteren gefüllt ist, die aufgrund der Schwere des allgemeinen Themas Atomwaffen, aber auch ihrer persönlichen Natur wegen, dilemmatische Entscheidungen treffen und Handlungen eingehen. Es ist reizvoll, diese Figuren zu analysieren, da ihre Taten, den Umständen entsprechend nicht immer klar begründet oder befürwortet werden können und deswegen eine Gradwanderung zwischen falsch und richtig an ihnen beobachtet werden kann. Folglich werden auf dieser Grundlage einige Hauptfiguren aufgegriffen und seziert; Oppenheimer und Einstein. Hierbei werden auch einige realhistorische Fakten aufgeworfen und Vergleiche zwischen den dargestellen Figuren und den tatsächlichen Menschen aufgeführt. Oppenheimer steckt in der Protagonistenrolle des Films und Beschäftigung mit dieser Figur ist offenkundig. Obwohl Einstein im Film nur eine Randfigur ist, legt der vorliegende Text auch einen Fokus auf diese Figur, da sie ein zwiespältiges Verhalten zeigt, das im Film nicht klar aufgelöst wird und da der Film bedeutende historische Hintergrundinformationen nicht mitteilt, die der Erklärung der Handlung behilflich sind. Es liegt nahe, ebenso die Figur Strauss zu durchleuchten, allerdings tut der Film dies bereits ausführlich genug gegen Ende hin, als die versteckten Intentionen von Strauss aufgelöst werden.

2.1 Oppenheimer

Der Film beruht auf der englischen Biographie Oppenheimers American Prometheus: The Triumph and Tragedy of Robert J. Oppenheimer. Da mir die Lektüre dieses Buches allerdings fehlt, werde ich mich überwiegend darauf beziehen, wie die Figur Oppenheimer im Film dargestellt wird. Immerhin ist damit zu rechnen, dass der Film als Medium den Text stets als eine kondensiertere Version darbietet und demgemäß die Figuren etwas überspitzter und somit auffälliger und anziehender nachbildet. Nichtsdestotrotz gilt Robert J. Oppenheimer als eine exzentrische Persönlichkeit, die eine dramatische Rhetorik pflegte, wie es auch diverse Filmausschnitte zeigen. Beispiele: 1) https://www.youtube.com/watch?v=6DrdoBVMd9w&ab_channel=vsrr83 2) https://www.youtube.com/watch?v=cY8q1ky3dLY&ab_channel=NBCUniversalArchives

Einerseits zeigt der Film die Figur Oppenheimer als jemand, für den scheinbar der Zuschauer Empathie erzeugen soll. Hierfür werden verschiedene Mittel der Darstellung genutzt, wie beispielsweise eine Verniedlichung seiner Person infolge der durchgängigen Verwendung seines Kosennamen „Oppie“, der ihm auch in der Wirklichkeit ursprünglich unter dem Namen „Opje“ von seinen Studenten in den Niederlanden gegeben wurde. Überdies soll seine Rolle als Protagonist gegenüber dem antagonistischen und rachevollen Strauss und seinem von ihm eingeleiteten qualvollen Verhör beim Betrachter Mitgefühl für ihn hervorbringen. Auf eine ähnliche Art soll dies dadurch geschehen, dass Oppenheimer in eine Zwickmühle der Entscheidung zwischen dem Auslösen des Todes einer Vielzahl fremder Menschen und der politischen Vorherrschaft seiner Nation gegenüber Deutschland während der Kriegszeit gedrängt wird. Die allerwenigsten Menschen würden sich bei diesem Entschluss gerne in Oppenheimers Situation befinden. Schlussendlich zeigt der Film gleichermaßen die Reue, die Oppenheimer durch seine Entscheidungen empfindet und die psychischen Konsequenzen, die ihm obliegen.

Andererseits wird die Figur Oppenheimer als partiell lüsterner, selbstgefälliger und nicht vollständig ehrlicher Mensch portraitiert und soll auf diese Weise eine Form von Genieästhetik verkörpern. Die beiden Affären während seiner Ehe und sein ironischer Kommentar auf die Frage hin, wie viele Kinder er denn zu zeugen beabsichtige, nämlich dass er „nicht wüsste, wie Verhütung funktioniere“, lassen darauf schließen, dass er Sex in erster Linie des Spaßes wegen treibt und dass er Gefühle eher zweitrangig einordnet. So zeigt der Film auch, dass er die Erziehung seiner Kinder anderen überlässt. Gemeinsam mit seiner Ehefrau müssten sich beide als kluge Menschen eingestehen, aufgrund des Zeitmangels Oppenheimers und des Alkoholismus seiner Gattin die Zeugung weiterer Kinder zu unterlassen.

Im Laufe des Films gibt Oppenheimer selbst zu, des öfteren „Ammenmärchen“ zu erzählen. In welchem Kontext dies verstanden werden soll, ist offen für Interpretation, immerhin liegt am nächsten der Gedanke, er beziehe es darauf, bei seinem Streben nach Anerkennung und Ruhm vielfach nicht die Wahrheit zu präsentieren und hierdurch andere Menschen zu manipulieren. Mitunter stellt diese Offenheit, die er in einem leicht ironischen Ton präsentiert, für seinen Hochmut, der stellenweise auch als selbstironischer Kommentar in Dialogen zum Vorschein kommt. Diese Selbstironie kann als Zeichen von Unseriösität bzw. Unvorsicht, Überheblichkeit oder fehlerhaftem Einschätzungsvermögen wirken. „Auch ein Genie kann blind sein.“, so klingt es aus dem Mund seiner Ehefrau gegen Mitte des Films hin. Dieser Satz wirkt, des Wissens über Oppenheimers späteres Verhör und über seine moralischen Zweifel wegen, wie ein böses Omen, das beschreibt, inwiefern Oppenheimers Einsichten über die Geschehnisse in Bezug auf seine zwischenmenschlichen Beziehungen und auf die Gravitur der atomaren Lage mehrfach zu spät oder erst gar nicht erfolgen.

Oppenheimer prägte den Spruch „Now I Am Become Death, the Destroyer of Worlds“ (Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten), den er aus der „Bhagavad Gita“, einer zentralen heiligen Schrift des Hinduismus entnommen, tatsächlich auch in der Realität während dem Test der ersten Atombombe „Trinity“ aufgegriffen habe und vom Ursprungstext leicht umgeändert habe. Mit diesem nun populären Satz, den auch der realhistorische Oppenheimer während eines Interviews zitiert, erweckt er den Anschein, sich selbst als Übermensch darstellen und sich zum potentiellen Zerstörer des Planten krönen zu wollen, indem er sich mit der hinduistischen Gottheit Vishnu vergleicht und sich sodann auf dieselbe Stufe mit dem Tod und dessen Macht stellt. Doch nicht nur dieser Spruch wurde populär, sondern auch Oppenheimer selbst. Er erlangte Bekanntheit, Ansehen und Ruhm. Er genoss diese Aufmerksamkeit, wie es auch Strauss durch seinen Ärger bestätigt; „I gave him everything he wanted!“ Die Kombination aus dem Streben nach Ruhm und seinem persönlichen Ehrgeiz machte die Entstehung der Atombombe erst möglich, denn Oppenheimer war ein starker Motivator und besaß eine geschickte Rhetorik. Es ist kein Zufall, dass ihm die Leitung des Manhatten-Projektes zugeteilt wurde; erstens aufgrund seines mündlichen und organisatorischen Talents und zweitens, da sein Trachten nach Anerkennung für ihn nicht die Möglichkeit zuließ, die Leitung des Projektes nicht anzunehmen – General Leslie R. Groves musste nicht besonders viel Überzeugungskraft aufwenden, um Oppenheimer zu gewinnen.

Nun stellt sich, aufgrund der menschlichen Laster, die diese Figur bzw. diese Person präsentiert, die Frage, ob Oppenheimer überhaupt eine neue Zeit des Friedens schaffen oder ob er primär das Prestige der Physik, der Naturwissenschaften und seines eigenen Egos steigern wollte. In seiner Rede nach dem erfolgreichen Trinity-Test jedenfalls meint er, „er sei sich sicher, dass die Japaner ihn nicht mögen“. Kurz nach diesem Ereignis wird er sich über die Konsequenzen seiner Taten bewusst und ein Gefühl der Reue tritt ein.



2.2 Einstein

Das Gespräch zwischen Oppenheimer und Einstein, das sich bereits zu Beginn des Films zuträgt, wirbt für sich, indem sein Inhalt nicht nur dem Zuschauer, sondern auch den Figuren, in erster Linie Strauss, vollständig verschleiert wird. Erst gegen Ende des Films erscheint die Auflösung für den Grund der scheinbaren Verstimmung Einsteins, mit der er aus diesem Dialog herausgeht; […] Oppenheimer hat mit diesem Satz also ein Bewusstsein, bzw. eine Erinnerung in Einstein ausgelöst, dass Einstein selbst vermutlich einen Grundstein für die Existenz der Atombombe gelegt hat und somit Mitverantwortung an dem Tod zehntausender unschuldiger Menschen trägt.

Der realhistorische Einstein floh 1933 aus Nazideutschland in die USA, da er sich gegen die Ideologie und Judenfeindlichkeit der Nationalsozialisten stemmte. Er betrachtete Deutschland von diesem Zeitpunkt als feindlich gesinnte Nation an und trat im Zweiten Weltkrieg auf die Seite der Amerikaner. Aus Angst davor, Hitler die Vorherrschaft über den Besitz der Atombombe zu erlauben, war er 1939 Mitverfasser eines Briefes an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Dieses Schreiben machte auf die Möglichkeit der Entwicklung zerstörerischer Bomben aufgrund der Anreicherung großer Mengen von Uran und der dadurch provozierenden nuklearen Kettenreaktion aufmerksam. Kurz zuvor gelang den deutschen Forschern Otto Hahn und Fritz Straßmann die erste Kernspaltung, deren Möglichkeit sich erst aus Einsteins Gleichung E=mc² ergab. Diese Formel besagt, wieviel Energie man maximal von einer beliebigen Masse erhalten würde, wenn man diese vollständig in Energie umwandeln könnte. Es wurde beobachtet, dass bei der Verschmelzung von Wasserstoffatomen Masse in Energie umgewandelt wird. Forscher erhofften, auch mit radioaktiven Teilchen Energie zu erzeugen. Da diese allerdings spontan zerfallen, kehrten Wissenschaftler den Vorgang um und versuchten mithilfe der Spaltung dieser Elemente, Energie zu erzeugen. Da die Deutschen diesen wissenschaftlichen Schritt der Kernspaltung zuerst vollbrachten, befürchtete Einstein, dass die Nationalsozialisten den Amerikanern beim Bau einer nuklearen Bombe einen Schritt voraus seien und bat den Präsidenten um Investitionen in die Kernforschung. Dieser Brief, der vermutlich Anlass zum Manhattan-Projekt gegeben hatte, bereute Einstein späterhin, als er die Nachricht der Zerstörung der japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki durch das amerikanische Nuklearbombenmanöver erfuhr.

Im Film lässt sich Einsteins Erkenntnis über eine mögliche Schuld, falls sie nach dem Gespräch mit Oppenheimer erstmalig im Bewusstsein Einsteins auftritt, allerdings schwer rechtfertigen. Die Figur Einstein nimmt im Film zwar eine sekundäre Rolle ein, deren Bedeutung jedoch gehoben wird. Dies ist kein Zufall, denn ohne seine theoretischen physikalischen Ansätze wäre die Bombe kaum in dem schließlichen Maß entstanden, die ganze Geschichtsschreibung wäre anders verlaufen und es steht in Zweifel, ob Oppenheimers Historie überhaupt von derartiger Relevanz wäre, als dass ein Film darüber gedreht werden würde. Einstein agiert im Film weniger als Physiker, als als menschliche Verkörperung einer philosophischen Aphorismensammlung. Er befindet sich bereits in höherem Alter und seine Zeiten als glorreicher Physiker sind vorbei. Dieses Faktum inklusive seiner kritischen Einstellungen gegenüber den ihm in heuchlerischen Zeremonien verliehenen Ehrenauszeichnungen, zeigen auch seine Worte und die Bilder der Szenen während des Gesprächs zwischen ihm und Oppenheimer; hier wird Oppenheimer gezeigt, wie auch er in fortgeschrittenem Alter solche Abzeichen erhält, die gleichermaßen das Ende seiner Karriere, bzw. seiner Relevanz als Mensch symbolisieren. Dies stellt die Danksagung der Regierung dar, die mit ihrer Macht Menschen wie Oppenheimer für ihre tödlichen Werke instrumentalisiert und sie dafür auf perverse Weise mit Ruhm und Reichtum belohnt. Die Figur Einstein soll eine menschliche Seite zeigen und wird insofern der Härte der Physik, jener des Krieges und auch der Atombombe als Vereinung der beiden Einheiten Physik und Krieg gegenübergestellt. Diese Menschlichkeit wird durch sein leicht kindliches Auftreten bei Spielen und Spaziergängen in der Natur und durch das Mitteilen von Lebensweisheiten seinerseits wiedergegeben. Aufgrund seiner lebensweisen und deswegen reflexiven Art, vereint mit der Menschlichkeit, die durch die moralische Verpflichtung evoziert wird, ist es nicht nachvollziehbar, Einstein hätte erst während dem Gespräch mit Oppenheimer eingesehen, dass auch er Teil der Atombombe und somit der Kriegsgewalt an fremden Menschen sei. Aus diesem Grund erscheint es plausibler, zu behaupten, Einstein würde ausschließlich nachdenklich und zurückgezogen, jedoch nicht willentlich unfreundlich anderen gegenüber reagieren. Jedenfalls sorgt diese Auflösung dafür, dass der Inhalt des Gesprächs zwischen Oppenheimer und Einstein nicht unbedingt zurecht eine solch ungewöhnliche Spannung über die gesamte Filmlänge hinweg erzeugen sollte, sie enthält keine bedeutenden Erkenntnisse und wirkt daher vor allem enttäuschend.

3. Der Sinn des Tribunals

Der Endteil des Films (die detektivische Verhörung) wirkt, aufgrund seines verschärften Tempos und seiner Kürze im Vergleich zum vorherigen Teil, der das Manhattan-Projekt thematisiert, teilweise überspitzt und deswegen unangemessen, so als ob der Film noch etwas in seine immerhin schon beachtliche, wenn nicht bereits überschrittene, Länge hineinpressen würde, was ihn als Blockbuster geltend machen sollte.

Die Anhörung Oppenheimers, bei der es um die Erteilung seiner Sicherheitsfreigabe geht, liefert ein Szenario, das sich in seiner Absurdität, Ausweg- und Sinnlosigkeit an jenes der Erzählung Der Proceß von Franz Kafka erinnert. Es handelt sich um eine von Strauss vorgefertigte Abhörung, deren Angehörige rein von Strauss bestimmt und bestochen wurden, die in einem viel zu kleinen und inoffiziellen Hinterzimmer stattfand, von Strauss mithilfe von Wanzen abgehört wurde, zu der mehrere Unterlagen zu Oppenheimers Nachteil angepasst wurden und schließlich lediglich dem Zweck diente, Oppenheimer aus Rachegründen zu demütigen, ihn als unwillkommenen Kommunisten darzustellen und aus der Öffentlichkeit und den Angelegenheiten der Atompolitik auszugrenzen. Die Anhörung ist in ihrer Gesamtheit ein Produkt gefälschter Hoffnung auf eine Freiheit, die jedoch gänzlich von Strauss bestimmt wird und somit ihrem juristischen Nutzen entfällt.

4. Die Problematik der allgegenwärtigen Moral

Im Film sagt der Präsident der USA, die Entscheidung, den Tod und das Leid über die Opfer der Atombombe zu bringen, unterliege einzig und alleine ihm. Dies jedoch hat er nicht zu bestimmen, denn die Moral unterliegt ihrer gesellschaftlichen Natur und teilt ihr Wirken unausweichlich unter den Betroffenen, d.h. unter dem Präsidenten, dem Militär, den Wissenschaftlern und sogar unter der amerikanischen, bzw. nicht-japanischen Bevölkerung auf. Hier wird eine Macht als Einbahnstraße inszeniert, die sich der Moral in den Weg stellt. Außerdem spielt der Film mit mit der Thematik der Macht als Perversion; diejenigen, die Macht besitzen, spielen mit den Menschenleben anderer, als seien diese bedeutungslos. Beispielhaft kann hier wiederum der Präsident der USA genannt werden und die Szene des Zusammentreffens über die Bestimmung der Zielstädte der Atombombe.

Eine weitere moralische Problematik schneidet der Film in der zwiespältigen Entwicklung und Erbauung der Atombombe an: Oppenheimer wird indirekt gezwungen, die Atombombe zu bauen, weil sich die USA vermeintlich in einem Rüstungsrennen mit Deutschland befinden. Dies bedeutet: wenn er die Bombe nicht bauen gelassen hätte, hätte ein anderer es getan. Hier stellt sich die Frage: Gibt es für ihn ein Entkommen aus diesem Dilemma? Auch willigt Oppenheimer dem Bau sofort und ohne längeres Nachdenken ein; dies ist ein erneutes Indiz für die Blindheit und Gier seines Charakters. Er wird vom Militär gelenkt, dies wird auch bildlich gezeigt, indem er temporär eine Uniform trägt und selbst zum Leiter und Machthaber seines persönlichen Dorfes, das „Manhattan-Projekt“, wird. Auch wird er zu einer Art vorzeitlichem „Influencer“ in seiner „Arbeits“-Umgebung sowie in den damaligen Medien der Zeit des Abwurfs der Atombomben auf Japan und schließlich auch der heutigen Zeit durch die Beliebtheit und den Hype um den Film „Oppenheimer“.

5. Fazit

Kritik am Film: er dürfte noch extremer auf das moralische Vergehen an der Menschheit eingehen und zb. wirkliche Bilder zeigen bzw. Szenen, wie jene der farbigen, plastischen, perversen Rede Oppenheimers im Oratorium, verstärken, durch prägnantere Illusionen, wie zb. sich verzerrende Menschenfratzen, etc. Der Filmteil nach dem Abschuss der Bomben in Japan ist zwar gut ausgeklügelt, wirkt dennoch etwas überflüssig, wie eine dahingepresste und mit etlichen fiktiven Elementen geschmückte Detektivgeschichte (zb. die Kennedy-Verschwörung), bei der nur noch die einzelnen Figuren im Rampenlicht stehen und die Kernproblematik der Atombombe hinter die Kulissen verschoben wird. Dieses Schwenken vom Gesamtbild der Kriegssituation auf das Schicksal der einzelnen Figuren trägt bedauerlicherweise zu einer Lächerlichkeit bei, die nicht in diesen Film passt, aber dennoch, wegen der Darstellung von Aussichtslosigkeiten via Gesetzesbefragung und dem Kontrollverlust von Menschen und ihrer Darstellung in der Öffentlichkeit, wunderbar in einen separaten „Oppenheimer“-Film oder einen Film mit einer gänzlich anderen Geschichte gepasst hätte.

Außerdem werden so viele Narrative angeschnitten, sodass keines von ihnen vollständig ausgereift dargeboten wird; es ist nicht ganz offensichtlich, ob der Film den Menschen Oppenheimer portraitieren oder die politischen Hintergründe der Entstehung der Atombombe ins Rampenlicht rücken möchte. Jedenfalls wünschte ich mir nach dem Kinobesuch etwas mehr Hingebung in eine der beiden Richtungen und in demselben Atemzug eine höhere Intensität; der Film sollte deswegen entweder mehr auf das Innenleben der Figur Oppenheimer eingehen, dies würde auch die Farbeneinteilung der Szenen in schwarz-weiß und bunt nochmals bestärken, oder er sollte die Grausamkeiten der Atompolitik und dem Machtkampf ihrer Akteure offensichtlicher darlegen, beispielsweise durch Bildauszüge von reellen Geschehnissen der damaligen Zeit. Stattdessen wird dem Zuschauer ein kondensiertes Krimi-Drama in der Form eines Verhörs und Zeitsprüngen dargeboten, das zwar relevante Implikationen und Hintergründe zu beiden Thematiken – Oppenheimers Leben und der Atompolitik – bietet, jedoch zu hektisch, zusammengepresst und hastig den Fluss des Films regiert. Es ist verständlich, dass der Film generell ein implizites Angebot an Möglichkeiten bietet, um den Zuschauern weniger Interpretationsmöglichkeiten vorwegzunehmen, jedoch bewirkt er dadurch ein Gefühl einer gewissen Unvollständigkeit. Schließlich kann man aufgrund dieser Berührungsängste mit der Sensitivität der Zuschauer und dem gleichzeitigen Zurschaustellen einer Unzahl von historischen Persönlichkeiten und ihren unendlich wirkenden Gesprächssträngen behaupten, der Film sei zu sehr informativ und nicht emotionell genug.

Bildquellen:
https://donate.wikipedia.org/wiki/File:Oppenheimer_poster.jpg
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Einstein_oppenheimer.jpg