Die Suche nach Identität in der heutigen Gesellschaft

Essays aus dem Sinn, spontan, ohne Recherche

Vorwort: Dieser Texte kann einige Fragen aufwerfen, und sein Autor würde sich über kritisch konstruktive Äußerungen in vielfältiger Anzahl freuen. Eine dieser Fragen, eine besonders zentrale, muss ich dir, lieber Leser, dennoch vorwegnehmen: Was ist überhaupt Identität? Eine Festlegung dieses Begriffs ist problematisch und jeder sollte sich dies beim Versinken in die nächsten Seiten vergewissern. Dieser Essay bietet (hoffentlich) keine konkrete Antwort auf die oben genannte Frage, womöglich wird er der Begrifflichkeit „Identität“ sogar noch weitere Komplexitätsebenen hinzufügen. Eine generelle Erklärung des Begriffs ist dieser Text jedem ahnungslosen Leser jedoch schuldig; Unter Identität versteht sich auf den folgenden Seiten ein kognitiver Prozess, der ein Individuum lebenslang begleitet und mithilfe dessen dieses Individuum – basal ausgedrückt – seinen Platz in der Welt zu finden versucht. Es handelt sich um einen Prozess, der nie abgeschlossen ist, keinen Anfang und kein Ende, und auch kein Richtig und kein Falsch kennt, also nur auf der persönlichen Auffassungsgabe des Menschen fundiert. Dabei muss dieser Mensch mit seiner Umwelt in wechselseitigem Kontakt stehen und die Eindrücke, die auf ihn einwirken, auf eine persönliche Art und Weise verarbeiten. Extrem, aber durchaus nicht falsch, erscheint die Aussage, dass die Suche nach Identität für den Menschen einen Lebenssinn enthält, oder zumindest zu letzterem einen nicht unwichtigen Beitrag leistet. Fortan werden im vorliegenden Text die Substantive Identität, Charakter und Persönlichkeit synonym gebraucht. (Also dann, fangen wir an.)

Noch bis vor knapp 150 Jahren, jedenfalls in dem von uns bekannten westlichen Erdteil, heiratete der Mensch eine von seinen Eltern vorbestimmte Person. Er betrieb jene Arbeit, die ihm finanzielle Sicherheit bot und sich gleichzeitig in räumlich nahegelegener Reichweite befand. Er kreuzte bei den Wahlen diejenige Partei an, die die Mitmenschen aus seinem sozialen Umfeld auch wählten. Er glaubte an jenes göttliche Wesen, das zu der kirchlichen Institution passte, in die er regelmäßig hineingeschleppt wurde. Er wählte sich seinen Arzt nicht selbst aus. Er trug nicht unbedingt Kleidung, die ihn, optisch und darstellerisch, von seinen Genossen unterschied. Er aß, was auf den Tisch gesetzt wurde. Kurz gesagt: der generische Mensch von vor knapp 150 Jahren schritt sehr selten aus dem gesellschaftlichen Muster aus, in das er von seiner Umgebung hineinsozialisiert wurde. Alles war vorbestimmt und wurde gleichermaßen akzeptiert.

Dass es sich hierbei um eine Verallgemeinerung handelt und dass es je nach Blickwinkel, Gesellschaftsschicht, Glaube, Vorwissen und jeglichen anderen Elementen Unterscheidungen gibt, und dass einige der aufgezählten Merkmale auch noch heute gültig sind, ist mir durchaus bewusst. Ausnahmen gab es, gibt es und wird es weiterhin immer wieder geben. Auch die hier angeführte Jahreszahl von vor 150 Jahren sollte nur beispielhaft und flexibel zu verstehen sein. Jedenfalls steht der Rahmen, der hier skizziert wird, für ein generelles soziokulturelles Bildnis eines normativen europäischen Menschen aus jenen Zeiten.

Im Kontrast zu dem damaligen westlichen Menschen steht der westliche Mensch von heute. Dieser Kontrast wird sich auch in Zukunft immer weiter verstärken, durch zahllose Entwicklungen in jeglichen Bereichen des Lebens. Der gegenwärtige Mensch heiratet denjenigen, den er zu lieben glaubt. Er sucht sich aus einer Liste von Berufen, die sich jede einzelne Sekunde um einiges erweitert, einen aus, der seine persönlichen Interessen treffen soll. Er wählt jene Partei, die seiner eigenen Meinung am meisten entspricht. Er entscheidet, ob und an welche göttliche Instanz er glaubt und wie er seinen spirituellen Glauben praktiziert. Er sucht sich sein eigenes Geschlecht selbst aus. Er besitzt einen eigenen Lifestyle. Er wägt ab, ob er heute Mittag Lust auf indisches oder doch lieber auf italienisches Essen hat. Der Mensch von heute hat sprichwörtlich die Qual der Wahl. Und dies in ausnahmslos allen Bereichen des Lebens. Dass ihm von der Gesellschaft festgeschrieben werden würde, was er zu tun und zu denken hat, ist, in Betracht der Verhältnisse von Früher, schlicht eine grobe Fehleinschätzung. Durch das unmessbare Angebot an Möglichkeiten, aus denen er „frei“ wählen kann – dies gab es vor 150 Jahren nicht, lebt er mit der Überzeugung, sein eigenes Leben fest in den Griff bekommen zu können. Nebenher entsteht durch diese nahezu unendlich wirkende Fülle an Möglichkeiten ein überwältigender Druck. Habe ich das Richtige ausgewählt? Tue ich das Bestmögliche? Niemand hat eine Antwort, da es keine Wahrheiten, bzw. unendlich viele gibt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass jede Entscheidung angezweifelt wird und somit keine Entscheidung je als vollkommen richtig eingeschätzt werden kann. Man hat nun gewissenermaßen die Wahl der Qual.

Des Weiteren entfällt diese dem Menschen vorgegebene Entscheidungsfreiheit ihrem Wert von Freiheit genau dann, wenn klar wird, dass die Begrenzung der Darbietung von Möglichkeiten einzig und allein dem Markt unterliegt, also einem rein ökonomischen System, das die Bestimmungen des Menschen reguliert. Verschwörungstheoretiker, antikapitalistisch eingestellte Personen und selbsternannte Neomarxisten würden an dieser Stelle ihre blutriechenden Kritiken von der Leine nehmen. Um jedoch keine Debatte für oder gegen kapitalismusähnliche Prinzipien anzustacheln, mache ich darauf aufmerksam, dass die Mehrheit der als weiterentwickelt angesehenen Länder unseres Planeten eine freie Marktwirtschaft pflegt. Diese soll sich für die gesamtwirtschaftliche Lage einsetzen und stellt soziale Regulierungseinheiten (beispielsweise Arbeitergewerkschaften und die Teilhabe der Arbeitnehmer an verschiedenen Entscheidungen innerhalb von Unternehmen) zur Verfügung, um die Profitgier des Einzelnen, also des Finanztüftlers und Ausbeuters in Schach zu halten.

Schließlich aber wird die Problematik der Suche nach persönlicher Identität in unserer heutigen Gesellschaft nicht nur von marktwirtschaftlichen Systemen beeinflusst, sondern obliegt auch der Rolle eines Individuums in einer Gruppe und der Suche nach Identität in zwischenmenschlichen Beziehungen. War der Mensch vor 150 Jahren also doch „freier“ als heute? Oder war er tatsächlich wahllos eingepfercht? Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen. Einerseits wurden ihm seine gesellschaftlichen Pflichten klar vor die Nase geführt und ließen weniger Raum für Gegensätzliches. Die Gesellschaft packte das Individuum an der Hand, heute tut sie dies eher weniger. Es gab früher mehr Orientierung, festgelegte Wege und weniger Möglichkeiten, Zweifel an der eigenen Identität zuzulassen. Andererseits bedeutet die fast schon schicksalhafte Festlegung des Lebensweges die Eingrenzung der Entfaltungsmöglichkeiten in Bereichen jenseits der im Voraus bestimmten Tätigkeit einer Person. Dies bedeutet nicht, dass der gesellschaftliche Mensch von damals keine Wünsche für sich selbst entwickelte, es fiel ihm jedoch durch die von außen stammenden Bestimmungen sicherlich leichter, diese nur als abstrakte Vorstellungen anzuerkennen und sie nicht in die Realität umsetzen zu wollen. Träume waren zum Geträumt-werden da. Sie sind es bis zu einem gewissen Grad auch noch heute – beziehungsweise wird uns irgendwann klar, wo die Grenzen der heutigen Träume liegen.

Welche historischen Anlässe könnten zur Entwicklung des damaligen zum heutigen Menschen beigetragen haben? Einerseits gab es zahlreiche technisch-technologische Umschwünge. Die industrielle Revolution veränderte so einiges im gesellschaftlichen Leben. Eine Lawine technischer Entwicklungen überschwemmte den Menschen; die Erfindung der Fließbandproduktion etablierte sich, sie trägt heute unter dem Trendwort Massenkonsum ihre Früchte. Außerdem verdienten einige Arbeiter allmählich etwas mehr Geld und konnten sich teilweise soziale Aufstiege sichern, dies entfachte wiederum die allgemeine Kaufkraft. Späterhin kamen technologische Erweiterungen hinzu, deren enorme Entwicklungsgeschwindigkeit sich auch noch heute manifestiert und in Zukunft immer schneller voranschreiten wird, wie beispielsweise die hiesige Digitalisierung.

Andererseits trat die Globalisierung ins prominente Scheinwerferlicht des ökonomischen Geistes. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Firmen expandiert, transnationale Bündnisse wurden geschlossen, auch auf politischem Niveau (siehe die Europäische Union, die in erster Linie als ökonomisches Abkommen gedacht war), und die ganze Welt interessierte sich auf einmal für den amerikanischen Lebensstil und die damit einhergehenden Unterhaltungsstoffe, wie beispielsweise das Medium Kino und seine Filme von Hollywood. Es kann auch kein besonderer Zufall sein, dass das ökonomische und gesellschaftlich-humanistische Wachstum in der westlichen Welt mit einer Zeit des Friedens einhergeht, die ab dem Ende des Zweiten Weltkriegs prosperiert. Späterhin treibt der Wohlfahrtsstaat den Wohlstand (wie der Name verrät) seiner Bürger weiter an. Die weltweite Diskrepanz zwischen Reichen und Armen verringerte sich zwar nicht, sie schwillt mit dem Fortschreiten der Zeit vielmehr immer weiter an, doch das Wohlhaben, die damit einhergehende persönliche Kaufkraft und individuelle Entfaltungsmöglichkeiten im Zeichen des primär visuellen Ausdrucks von Identität finden immer mehr Gefallen in der westlichen Bevölkerung. Der Mensch legt immer stärkeren Wert auf Design, Lifestyle und generell Gegenstände, die ihn in den Kontrast zu anderen Menschen stellen und somit zu seiner Identitätsstiftung beitragen. Er kauft Häuser, Autos, Kleidung, Haustiere und macht sie zu Merkmalen seiner eigenen Identität. Er unterstützt den Konsum als Ideologie der westlichen Wohlstandsländer.

Und damit sind wir bei dem gegenwärtigen Menschen angelangt. Der Mensch von heute besitzt die Fähigkeit, die Welt kleiner zu machen. Jede Information von überall auf unserem Planeten ist binnen Sekunden erreichbar. Eine Frau aus Venezuela kann mit einem Mann aus Afghanistan per Schreib- oder Videochat kommunizieren, sich sogar in ihn verlieben. Ein Deutscher hat Lust nach Japan zu reisen – einige Stunden später steigt er mit seinem Reisköfferchen aus dem Flugzeug in Tokio. Ein Franzose bestellt online einen gelben Plastikflamingo, der eine Glitzermütze trägt, dieser wird aus den USA von Übersee geliefert und ein paar Tage später klingelt bereits der Postbote und übergibt feierlich erschöpft das Paket. Wenn wir etwas nicht wissen oder wenn wir etwas vergessen haben, dann wird Google zu unserem besten Freund. Beziehungen werden auf rein gedanklicher Ebene geschlossen. Der Konsum ist global gewährleistet und kennt keine Grenzen (keine geographischen und keine Grenzen der Vorstellung) mehr und die Frage stellt sich, ob wir tatsächlich mehr wissen als früher, da der Zugang zu Wissen sich extrem vereinfacht hat, oder ob unser Gedächtnis sich doch performativ abnutzt, da wir unser Vertrauen den digitalen Datenbasen, Netzwerken und Informationskanälen schenken, ohne je wirklich etwas zu hinterfragen – ja, ohne uns je wirklich anstrengen zu müssen.

Wie entwickelt der Mensch von heute eine eigene Identität, seine eigene Persönlichkeit, seinen eigenen Charakter? Im Angesicht der vielen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen, und für die in diesem Text nur eine Handvoll Beispiele bisher veranschaulicht wurden, scheint seine Suche nach Identität auf den ersten Blick eher unproblematisch. Jedoch dort, wo die Identitätsschaffung durch Materialismus aufhört, beginnt die Identitätsschaffung durch das Zusammenleben mit anderen Menschen, präziser, mit anderen Individuen. Der Charakter des Menschen ist ein Mosaik aus Eigenschaften, die er seinem gesellschaftlichen Umfeld entnimmt. Er bestimmt, welche von den wahrgenommenen Elementen er für sich beansprucht und mit welchen er nicht identifiziert werden möchte. Dies geschieht meistens unbewusst. Darauf hat bereits der Philosoph Jean-Paul Sartre Mitte des 20. Jahrhunderts aufmerksam gemacht. Ein Merkmal der Identitätssuche besteht darin, dass die einzelne Person sich von anderen Personen unterscheiden möchte. Sie versucht, anders zu sein, um somit ihre eigene, einzigartige Identität zu gewährleisten. Das Stichwort lautet Individualität.

Paradoxerweise jedoch muss der Mensch Eigenschaften annehmen, die er kennt und die er auch an anderen Menschen beobachtet, weil er ein gesellschaftliches Wesen ist, das soziale Mehrsamkeit benötigt, um sich überhaupt entfalten zu können. Er will keinesfalls identisch mit anderen sein, sondern individuell. Völlige Anpassung und völlige Individualität sind dementsprechend aus logischen Gründen unmöglich. Gleichermaßen muss er sich also mit anderen Menschen auseinandersetzen, um sich selbst zu formen. Ein Mensch, der sich in einem Vakuum befände, also vollkommen einsam wäre und keine Mitmenschen hätte, besäße keine Identität per se. Er hätte kein Vergleichsobjekt für seine Persönlichkeit und wäre nicht in der Lage, sich selbst nach seinen Vorstellungen zu verwirklichen, da es überhaupt keine Vorstellungen gäbe, an die er sich richten könnte.

Was wir nicht wollen oder nicht besitzen, macht einen Großteil davon aus, was wir wollen oder besitzen – das, was wir im Leben nicht sind, herrscht mitunter darüber, was wir sind. Angelehnt an eine des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek popularisierte Erzählung bedeutet dies: Es ist nicht irrelevant, ob wir im Gasthaus einen Kaffee ohne Milch oder einen Kaffee ohne Sahne bestellen, auch wenn uns in jedem der beiden Fälle der Kellner dasselbe genüssliche Resultat vor die Nase stellt: einen schwarzen Kaffee. Die Entscheidung des Menschen darüber, mit was er nicht identifizieret werden möchte, bestimmt sein Gruppenangehörigkeitsgefühl und somit seine Identität.

Der Mensch ist ein enorm anpassungsfähiges Wesen, auch wenn und weswegen es primär ein Gewohnheitstier ist. Er tendiert dazu, jedes Element, egal wie belanglos oder wichtig es sei, in Kategorien einzuordnen, um sich in seinem Umgebungsfeld besser zurechtzufinden. Es handelt sich hierbei einerseits um rein gedankliche Konzepte, die teilweise ikonographisch dargeboten werden können, wie beispielsweise das Konzept der Zeitrechnung oder jenes der Sprache, andererseits um materiell erforschbare Elemente, wie beispielsweise die Festlegung von Tier- und Pflanzengattungen, das Auseinanderhalten von einem Gärtner und einem Metzger oder die Unterscheidung zwischen Bier und Wein.

Im Gegensatz zu diesen präzis festlegbaren Kategorisierungen sind menschliche Gruppen fluide und veränderbar, da sie sich parallel zu gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen entwickeln. Sie bieten aus diesem Grund ein interessantes soziologisches Forschungsfeld dar, in dem die Akteure nie ohne weiteres festgesetzt werden können. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle und zu zahlreich sind die Ausnahmen, die in einer Gruppe auftreten können. Nebenbei bemerkt, haben wir es dieser automatischen Tendenz der Gruppeneinteilung zu verdanken, dass zwischen dem „Wir“ und dem „Fremden“ unterschieden wird, so entwickeln sich in negativen Fällen Stereotype, Vorurteile und Rassismus.

Jedenfalls ist es unumgänglich, dass die Zugehörigkeit des Individuums zu einer sozialen Gruppe identitätsstiftende Funktionen erfüllt; entweder du gehörst zu einer Gruppe und identifizierst dich mit ihrer Renommée und den Eigenheiten ihrer Mitglieder oder du distanzierst dich davon. Also, gehörst du zur Gruppe der Ohne-Milch-Trinker oder zur Gruppe der Ohne-Sahne-Trinker, auch wenn, nüchtern betrachtet, beide Gruppen exakt denselben Kaffee trinken? Oder wählst du doch lieber einen Kaffee ohne Schuss? Und wenn ja, ist es, weil du Kaffee ohne Schuss lieber magst als Kaffee ohne Milch oder wegen den Leuten, die in diesen Gruppen vertreten sind? Letzteres wird dir langsam aber sicher immer zutreffender erscheinen. Und auch dann werden irgendwann einmal die Grenzen zwischen verschiedenen Gruppen verschwimmen und deine Offenheit wird steigen.

Hat der Mensch eine oder vor allem mehrere Richtungen eingeschlagen, die für die unendliche Schnitzeljagd nach der eigenen Identität mit sympathischen Erfolgschancen winken, auch wenn dies wiederum meistens im Unterbewusstsein geschieht, dann folgt der nächste Schritt, nämlich jener der Suche nach der Bestätigung dieser Identität. Diese Suche nach Bestätigung lässt den Menschen Dinge tun, die er ohne Publikum nie tun würde und ein Publikum wird es immer geben, so lange wie irgendeine Art von Kontakt zu anderen Menschen besteht. Ironischerweise ist das Schreiben über Identität auch eine Möglichkeit des Anspruchs auf Identität. So kann der Untertitel dieses Essays „aus dem Sinn, spontan, ohne Recherche“, je nach Auffassung, ein eigenes Verlangen nach der Individualität seines Autors beantragen.

Eine Domäne, die bei genauerem Hinblicken eine Fundgrube für Identitätssuche- und Bestätigung bietet, ist die Liebe. Wir streben nach Liebesbeziehungen, nicht nur wegen sexuellen Bedürfnissen, sondern auch, um unsere Identität zu formen. Sexuelle Erlebnisse, die auf kurzzeitiger Basis fundieren, wie beispielsweise One-Night-Stands, geben uns nur temporäre Selbstbestätigung. Sie befriedigen unser Streben nach einer gewählten Identität nur kurzweilig und können, im Kontext der (puren) Suche nach purer Identität, mit anderen Tätigkeiten gleichgewertet werden, die dies ermöglichen, wie beispielsweise mit dem Annehmen eines freundlichen Kompliments oder mit dem gutmütigen Gefühl, das wir verspüren, wenn wir eine gemeinnützige Organisation unterstützen. Erfüllende Langzeitbeziehungen hingegen eröffnen die Identifikation mit einer anderen Person, die uns vor Augen halten kann, wer wir „wirklich“ sind, indem sie sich uns gefühlvoll öffnet und ehrlich mit uns ist. Vereinfacht ausgedrückt projizieren wir uns auf eine geliebte Person. Der Vorgang der Projektion allerdings stellt nicht in allen Beziehungen ein notwendiges Vorgehen dar. Erstens wird das Prinzip der Projektion meistens (vor allem in den Künsten) männlich-chauvinistisch konnotiert und verliert in diesem Fall seine wechselseitige Relevanz. Zweitens kann sie, auch wenn sie wechselseitig und ausgeglichen stattfindet, problematisch sein, wenn der Partner sich dagegen wehrt, seine Identität mit jener seines Partners zu ergänzen, oder wenn die Erwartungen an den Partner unerfüllt bleiben. Beziehungen sind eben wie Menschen – jede ist individuell und kann nicht festgelegt werden. Wir erwarten von unserem Partner, dass er etwas von uns erwartet. Der Soziologe Niklas Luhmann hat dieses theoretische Phänomen der Erwartungserwartungen primär auf die wechselseitige Kommunikation zwischen Individuen oder Gruppen appliziert.

Die Erwartungen in einer Liebesbeziehung können vor allem in zwei Hauptkategorien eingeteilt werden: Sicherheit und Unterhaltung. Die Sicherheit bezieht sich im vorliegenden Kontext einerseits auf körperliches Wohlbefinden, das sich aus einem adäquaten materiellen Lebensumfeld und Hygiene zusammensetzt, sowie Schutz. Andererseits bezieht es sich auf den respektvollen und ehrlichen Umgang miteinander, der den gemeinsamen aktiven Dialog in den Vordergrund stellt, um wichtige Entscheidungen zu besprechen, ebenso aber auch konstruktive Kritik und Verbesserungsvorschläge zuzulassen. Es ist unumgänglich, in einer Liebesbeziehung den Partner zu unterhalten, um das Verhältnis immer wieder aufzufrischen – schließlich werden auch wir gerne unterhalten, um unser Hirn und unsere Persönlichkeit frisch zu halten. Der Art und dem Grad der Unterhaltungsmöglichkeiten werden nur die Grenzen der gegenseitigen Akzeptanz und Lust gesetzt; alltägliche, sowie tiefgründige Gespräche, gemeinsame Aktivitäten in und außerhalb des Wohnbereichs, die eigenen Familienmitglieder und Freunde dem Partner vorstellen, sich gegenseitig verwöhnen, Sex, Humor, gemeinsame Interessen und vieles mehr kann an dieser Stelle beispielhaft aufgeführt werden.

Wir erwarten, dass unser Partner diese beiden Grundpilaster einer Beziehung erfüllt und zeitgleich erwarten wir von uns selbst, dass wir dem Partner dasselbe bieten und dass er dies gleicherweise von uns verlangt. Die Schwierigkeit hierbei liegt darin, nicht zu viel vom Partner zu erwarten, da wir uns sonst selbst enttäuschen, andernfalls auch nicht zu wenig von ihm zu erwarten, da wir uns sonst selbst degradieren. Eine möglichst akkurate Selbsteinschätzung hilft dabei, ein gesundes Gleichgewicht zu finden, aufgrund dessen wir mithilfe eines Partners unsere Identität in einer Liebesbeziehung ausbauen können.

X Phantasie als Treibstoff einer Beziehung in der Realität -> Phantasie als Element der Identität?

Nicht zu vergessen sind bei einer solchen Beziehung natürlich die Gefühle. Diese fundieren auf einer irrationalen Basis und wirken somit unerklärlich, vor allem für die Betroffenen selbst. Die nackte, bloße Liebe als solche wird in diesem Essay jedoch weiterhin nicht behandelt, da sie keine direkte erkennbare Entwicklung für die Identität stiftet – Es könnte lediglich die These aufgegriffen werden, die aus der Liebe als reines Gefühl resultierenden physischen und behavioristischen Konsequenzen könnten beeinflussend auf die Charakterbildung eines Menschen wirken.

Weitere zwischenmenschliche Bereiche des Lebens, die mitunter auf einer Variation des Gefühls Liebe basieren und als Vermittlungsinstanz für Identitätsbildung geltend gemacht werden können, sind einerseits die Familie und andererseits Freunde. Im Gegensatz zur Liebesbeziehung herrscht in diesen beiden Instanzen eine höhere Gruppendynamik vor, aus dem Grund, dass in den meisten Fällen mehr als nur zwei Menschen an der wechselseitigen Beziehung teilhaben.

Wie bereits erwähnt, ist es schwierig, eine menschliche Gruppe wegen ihrer Fluidität und der Vielzahl der an ihr heftenden Kontexten einzuordnen und ihre Mitglieder einzeln zu definieren. Bei der Familie handelt es sich um eine Art menschliche Gruppe, deren Kerngeschehen sich in verhältnismäßig privaten Umständen abspielt. Eine Familie besitzt also die Möglichkeit, sich von äußeren Einflüssen abzusondern, der Grund hierfür liegt wohl darin, dass jeder Mensch sich seine leiblichen Verwandten nicht aussuchen kann, er ist genealogisch an sie gebunden, auch wenn er sich von ihnen distanzieren möchte. Ein besonders prägnanter Aspekt der Familie, hinsichtlich Identitätsbildung, einer, der sich in keiner anderen Gruppenkonstellation auffinden lässt, ist die Beziehung zwischen den Eltern und ihren Nachkommen. Wiederum kann die einigermaßen problematisch erscheinende Tätigkeit der Projektion beobachtet werden: Eltern projizieren ihre Identität auf ihre Nachkommen. Sie passen die Erziehung ihrer Nachkommen an die positiv erlebten Erziehungsmethoden ihrer eigenen Eltern an und fügen, in den besten Fällen, ergänzend hilfreiche Eigenheiten hinzu – schließlich wollen sie, dass ihre Kinder eine möglichst vorteilhafte Erziehung erleben. Diese positiv anmutende Methode kennt jedoch zwei Grenzen: erstens die mit Scheuklappen behaftete Anpassung der Erziehung an die Muster der Gesellschaft auf Kosten innerer menschlicher Werte und zweitens die Projektion von eigenen gescheiterten Wünschen der Eltern auf ihre Kinder. Die erste dieser beiden Grenzen ist dadurch problematisch, dass der Versuch einer vollständigen Anpassung an die Gesellschaft unrealistische Ziele verfolgt, die nur den materiellen Wohlstand und die oberflächliche Anerkennung der (zumeist unbekannten) Gesellschaftsmitglieder sichern würden, abgesehen davon befindet sich die definitionsflüchtige Gesellschaft in einem kontinuierlichen Veränderungsprozess und Erziehungsmethoden müssen zeitlich und kontextuell angepasst werden. (Mehr zur unrealistischen Zielverfolgung in der heutigen Gesellschaft folgt später im vorliegenden Text.) Die zweite der beiden Grenzen einer gesunden Erziehung manifestiert sich als egozentrisches Benehmen der Eltern, um die eigenen gescheiterten Pläne in den Nachkommen wieder zum Leben zu erwecken. In diesem Fall versuchen die Eltern, ihr Bestreben, das sie nie bewerkstelligen oder vervollständigen konnten, auf ihre Kinder zu übertragen. Die Nachkommen sollen fortan diese Wünsche erfüllen, damit die Eltern ihre eigene Identität bestätigen können. Die Wünsche der Kinder werden dabei komplett vernachlässigt oder von den Eltern manipuliert. Als extremes Beispiel hierfür können die Schönheitswettbewerbe für Kleinkinder genannt werden, die vor allem in den USA stattfinden, und bei denen die Konsequenzen einer gänzlich materialistischen geprägten Konsumgesellschaft in Form von kleinen, übertrieben geschminkten und verkleideten „Prinzessinen“ und „Prinzen“ und ihrer geschädigten und schädigenden Eltern ersichtlich werden. (Filmvorschlag: Little Miss Sunshine, Vereinigte Staaten, 2006). Ähnliche Beispiele lassen sich in verschiedenen Bereichen finden, namentlich im Sport (der kulturelle Topos des Vaters, der zum privaten Fußball- oder Baseballtrainer seines unwilligen Sohnes wird), bei politischen Einflüssen (Aktivismus als Ideologie), bei der Berufsauswahl, bei der sexuellen Orientierung, etc.

[…] die absolute Verantwortung der Eltern liegt schließlich darin, nach Abschluss der Erziehung, also ab dem Zeitpunkt, zu dem das Kind zu autonomem Lebensunterhalt fähig ist, ihre Nachkommen als freie Menschen anzuerkennen, die eigene, eventuell gegensätzliche Meinungen vertreten und auch zu akzeptieren, dass die Kinder den Eltern keiner Gegenleistung verpflichtet sind. Dies steht in dem ungeschriebenen Kontrakt, den man als Mensch eingeht, wenn man Nachkommen in die Welt setzt – die eigenen Gene, Lebenserfüllung und Liebe an die Welt und an sich selbst weitergeben, und dafür seine eigene Zeit und Energie ohne Gewährleistung auf physische Gegenleistung aufopfern. Ein edles Lebensziel.

X Freunde

X Wir sind empört, wenn jemand uns einer Identität zuordnet, die nicht unseren Vorstellungen entspricht. Wenn wir mit diesem Gefühl konfrontiert werden, sollte die automatische Reaktion nicht sein, es versuchen, abzuwimmeln. Wir sollten uns in diesem Moment selbst in Frage stellen, bzw. die eigene Sichtweise auf uns. Nur dann können wir, nach gründlichen Überlegungen, ermitteln, ob die Einschätzungen von außen überhaupt gerechtfertigt sind.

X Eine stabile Identität macht ihren Besitzer attraktiv – auch dann, wenn sie nur gespielt ist. Dies wirkt sehr widersprüchlich, da sie sich ja vor allem erst durch den Kontakt mit anderen Menschen entfalten kann.

x humor ->

x covid? (https://www.wort.lu/fr/luxembourg/cette-crise-accelere-certaines-tendances-inquietantes-5fedc0e2de135b9236680b40?fbclid=IwAR3Xgddvy9lkcFib0Dx8qg0VvtqqPnBDZGiRfVT31vOt9Pyk-udoHMesAlw) -> in der Situation gesellschaftlicher Isolation ist es besonders schwierig, die Identität weiterzuentwickeln, es fehlt nämlich an zwischenmenschlicher Kommunikation zueinander.

X Begriffe: identitätsschwach (nüchtern benutzen, nicht pejorativ), kognitiv

X Wenn jemand gefragt wird, ob er reich sei, dann denkt in erster Linie jeder heutige Mensch, dass es ums Geld geht. Ich bin mir nicht sicher, ob dies schon immer so war.

X Ideologie (-> sie gibt dem Identitätssuchenden, dem Verwirrten, dem Verirrten eine Identität. (-> Gesellschaft?))


Ein Mensch, der unrealistische Vorstellungen von seinen Mitmenschen hat, besitzt unmöglich vollständig realistische Vorstellungen von sich selbst. In diesem Fall sind die Erwartungen an andere und an sich selbst zum Scheitern prädestiniert. Dieser Mensch (ist bei der Entwicklung seiner Identität auf sich selbst angewiesen und) denkt in den meisten Fällen, eine Persönlichkeit annehmen zu müssen, die ihn von anderen Menschen weitmöglichst unterscheidet, um durch seine Andersheit Anerkennung zu ergattern. Er baut sich, auch wenn unbewusst, ein klares Schema auf, in das nur einige wenige Menschen passen, mit denen er eine Beziehung eingehen würde, er versucht sich an einer nicht geringen Anzahl von Tätigkeiten, ohne sich je auf eine einzige Passion zu konzentrieren und er ist in den allermeisten Fällen sehr materialistisch geprägt. Er träumt von einer perfekten Welt, ohne Fehler bei sich selbst und bei anderen zuzulassen. Dabei vergisst er, dass Imperfektion doch so interessant und attraktiv sein kann, denn die reine Perfektion existiert in jedem Falle nur als Illusion. Schließlich ist dieser Mensch auf das Mitleid von Gruppen angewiesen, in denen er seine seelischen Schmerzen verkündet, denn er glaubt, dadurch ein wenig Identitätsstiftung erreichen zu können. Diese Befriedigung ähnelt jedoch eher der Zielsicherung eines One-Night-Stands als einer langfristigen Festlegung von Charakter. Erst durch die Diagnose einer psychischen Erkrankung denkt der Mensch von heute, seine Identität weiter ausbauen zu können – eine Fehlleitung, denn eine solche Diagnose muss bekämpft und darf nicht akzeptiert werden. Er versucht, mit seiner artifiziellen Andersheit anzugeben und sich aufzuwerten, ganz nach dem Motto „All animals are equal, but some animals are more equal.”, aus George Orwells Text Animal Farm. Doch dadurch, dass in unserer heutigen Gesellschaft jeder die Möglichkeit hat, anders zu sein, wie wir bereits festgestellt haben, macht dies wiederum alle Menschen gleich. Bei der Suche nach Identität kommt für den heutigen Menschen einiges zusammen; er sucht nach einer Art lenkender Orientierung, wie jene, die vor 150 Jahren vorherrschte und gleichermaßen strebt er nach der Erfüllung von seinen persönlichen Wünschen, da ihm die Gesellschaft vorgibt, er könnte sie tatsächlich alle befriedigen. Wenn es dieser Art von heutigem Mensch gelingt, aus seiner utopischen Traumwelt zu entfliehen, dann wird er Sinnstiftung erleben, nicht nur für seine eigene Identität, sondern für sein gesamtes Glück und Leben.


Der identitätssuchende Mensch von heute lebt in Abgrenzung zu seiner idealisierten Welt – eine Welt mit gesellschaftlich hoch angesehenen Mustern, die paradoxerweise nicht der Norm entsprechen; Die perfekte Familie: Vater, Mutter, Kinder, Hund, unzertrennlich, unter einem Dach. Das perfekte Pärchen: gleiche Interessen, streitlose Geborgenheit, kompromisslose Bindung. Der perfekte Beruf: er vereint persönliche Erfüllung und monetärer Verdienst gleichsam miteinander. Der perfekte Körper: er ist falten-, haar-, fett- und makellos, technisch und plastisch bearbeitet, eine Leiche, eine Maschine, ein künstlicher Mensch. All diese Bilder, die uns fast ausschließlich aus Werbungen, Zeitschriftendeckblättern und Lebensberatern frech ins Gesicht lachen, sind nicht real, sie sind illusionäre Idealvorstellungen, die vorgeben, die ultimativen Ziele unserer Suche nach Identität zu sein. Kein Wunder also, dass der heutige Mensch generell so häufig unter mentalen Brüchen leidet. Die Abgrenzung zu dieser Idealwelt entsteht nämlich lediglich dadurch, dass sie unerreichbar ist und den Menschen durch diese vorgegebenen Muster vorgegaukelt wird, dass man diese Ziele unbedingt erreichen muss, um überhaupt als gültiges Mitglied unserer Gesellschaft anerkannt zu werden. Dies tut der Persönlichkeitsbildung nicht wohl. Im Gegenteil, die Anzahl an diagnostizierten psychischen Erkrankungen, wie Depressionen und Burnouts steigt immer stärker an. Wer nicht leistet, und dies nicht auf eine so glänzende Art und Weise, wie es die Medien jedem vorzeigen, der besitzt keine ausreichende Identität, keinen gültigen Charakter. Das Selbstwertgefühl sinkt und die Motivation schwindet, sobald man merkt, dass diese Idealbilder nicht erreichbar sind. Und dann begehen wir den großen Fehler: wir machen uns selbst für unser an diese Ziele angeknüpftes Leid verantwortlich, mal abgesehen davon, dass diese Probleme, die wir uns ausmalen, von einer Vorstellungsmaschinerie fiktiv produziert werden. Wir sind schuld daran, dass wir unsere Träume nicht erreichen. Das denken wir. Wir stehen uns selbst im Weg.

Depression ist eine Trendkrankheit – diese Phrase mag zynisch klingen, so ist sie jedoch nicht gemeint, denn sie weist vor allem darauf hin, wie schnell sich psychische Krankheiten heutzutage verbreiten und richtigerweise immer beständiger anerkannt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass die durch unsere Leistungsgesellschaft zustande gebrachte Identitätsverwirrung Mitschuld an dieser negativen Entwicklung trägt. Depressive Menschen sind, aus der ökonomischer Perspektive betrachtet, bei weitem nicht so performant, wie glückliche Menschen. Ein interessantes Paradox lässt sich hierbei entschleiern: Es liegt einerseits im Interesse einer gewinnorientierten Ökonomie, das Glück seiner Arbeiternehmer aufrechtzuerhalten, andererseits fördert diese Gesellschaft (auch wenn zum Teil unbewusst) das vorherrschende Identitätschaos durch ihren zumeist unkontrollierten Produktions- und Wachstumswahn.

Die Lösung für eine Losbindung von den hier aufgeführten Problematiken, die der Identitätsfindung im Weg stehen? Ein Vorschlag zumindest ist ein langanhaltender Blick in den Spiegel, während dem wir uns aktiv klar werden, dass wir nicht mehr leisten müssen, als wir überhaupt können, um uns als Menschen mit Identität und Charakter weiterzubilden. Das Stichwort lautet Akzeptanz, vor allem uns selbst gegenüber. Nicht jene Art von Akzeptanz, anders zu sein, als alle anderen, denn dies wiederum entspricht nur einer Vorstellung und in den allerwenigsten Fällen einer Wahrheit, doch dieser Punkt wurde bereits in einem der oberen Abschnitte ausführlicher thematisiert. Gemeint ist diejenige Art von Akzeptanz, die einen nüchternen Blick auf die eigene Situation zulässt, das Erkennen des eigenen Bestrebens und der eigenen Fähigkeiten, ohne dabei Idealvorstellungen zu berücksichtigen und ohne Vergleiche zu den anderen „erfolgreicheren“ Menschen zu ziehen. Es geht darum, zu erkennen, dass man nicht alles Vorgegebene erreichen und besitzen muss. Erstens aus dem Grund, dass dies, bereits rein logisch gesehen, unmöglich zu bewerkstelligen ist und zweitens, da wir uns wertlos vorkommen müssten, sobald wir alle diese Ansprüche erreicht haben würden, so ganz ohne weitere persönlichen Ziele. An irgendeinem Punkt haben wir alles, das wir uns mit materiellem Reichtum ergattern können, erkoren und metaphysische Bestimmungen bleiben uns keine mehr. So ähnlich muss es enorm geldschweren Menschen gehen, wie beispielsweise dem deutschen Ex-Milliardären Florian Homm, der versuchte, einen Fluchtversuch aus seinem vom Materialismus gelenkten Leben zu unternehmen.

Während unserer Vergewisserung vor dem Spiegel werden wir merken, dass wir bereits so viele Dinge, Menschen, Beschäftigungen und Werte vor uns (liegen) haben, die davor von den hirngespinstischen Idealen verschleiert wurden. Es gilt nur, zu erkennen, wie privilegiert wir doch alle sind und dass wir alle diese griffbereiten Dinge selbst in die Hand nehmen können, um aus ihnen den intrinsischen Wert zu schöpfen, den wir benötigen – genau so entsteht authentische Identität. Einige Menschen gewinnen diese selbsterfüllenden Erfahrungen aus künstlerischen Tätigkeiten, andere aus sportlichen, handwerklichen oder zwischenmenschlichen Beschäftigungen. Doch für jeden Menschen ist es unterschiedlich, mit was er sich wertvoll befasst und jeder Einzelne sollte sich individuell mit sich selbst auseinandersetzen, um toxische Ideale von außen auszublenden und somit zu entdecken, welche Dinge für ihn selbst unergründbar wertvoll sind und ihn glücklich machen.

22.10.20

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